Kinobetreiber: Wer nicht handelt, darf nicht jammern!
Die Wirtschaftswoche hat in der aktuellen Ausgabe vom 3.12.2007 ein kurzes, aber durchaus interessantes Interview mit Fred Kogel, dem Vorstand der Constantin Film über die Zukunft der Kinobranche. Das Interview ist auch hier online zu finden. Dabei beklagt Kogel, dass die Besucherzahlen der deutschen Kinos um 6,4 % und der Umsatz um 4,5 % gegenüber dem Vorjahr nachgelassen hat. Die Schuld wird woanders gesucht, nur nicht bei den Kinos selbst: Schuld soll das hohe Angebot an Filmen sein (hört, hört!), die Piraterie und immer günstigere DVD.
Mich wundert stark, dass die Herren von Cinemaxx, CineStar und andere Kinobetreiber so scheinbar ideenlos den Untergang des Kinos verfolgen. Hat aber schon einmal jemand den Kunden befragt, was er von einem Kinoabend erwartet? Wohl kaum, denn anders lässt sich ein heutiger Kinobesuch nicht mehr erklären. Wie läuft ein solcher Besuch denn ab? Er beginnt mit einer ewig langen Wartschlange vor dem mit Sicherheitsglas geschützten Kassenhäuschen (ja, werden dort Vermögen verwaltet?), es folgt ein noch längeres Warten beim Kauf von völlig überteuerten Popcorns, Chips und Getränken (die man mühsam balancierend ins dunkle Kino bringen muss), es geht weiter mit festgeklebten Schuhen am Teppichboden und Popcorn-Resten am Sitz (wohin stelle ich jetzt den Colabecher? Achja, bleibt nur der versiffte Boden), der ungeklärten Frage, wohin meine Jacke jetzt kommt und so weiter.
Liebe Kinobetreiber: was ist aus dem “Event” Kinobesuch geworden? Es ist eine Plage und nur noch Mittel zum Zweck, um einen aktuellen Film zu sehen. Und wenn ich die Aussagen von Herrn Kogel lese, dann verstehen sich Kinobetreiber schlichtweg als Filmvorführer. Das erklärt einiges, aber dann jammern Sie zu unrecht. Mein erster Kinobesuch vor weit über 20 Jahren und ein heutiger Kinobesuch ist durchaus vergleichbar. Die Welt hat sich verändert, das Kino nicht. Vielleicht sind die Gebäude schicker, der Sessel breiter - das war es dann aber auch schon. In der Wahrnehmung der Kunden ist nicht viel passiert.
Die Chance für die Kinos liegt darin, einen Kinoabend wieder zum Event werden zu lassen. Hierbei ist der Film nur Bestandteil, aber auch nicht mehr. Wenn ich mit Freunden einen Kinoabend verbringen möchte, dann stelle ich mir den so vor: Es gibt im Vorführraum Tische und bewegliche Sessel, damit man sich vor und nach der Vorführung zuwenden kann. Es gibt Bedienung am Platz und es fühlt sich an wie eine Mischung zwischen Restaurant-, Kneipen-, Party- und Kinobesuch an. Es ist ein Abendfüllendes Programm und ich stehe nicht zwangsweise um 22.30 Uhr wieder auf der Straße, denn hinterher ist einfach lockeres Zusammensein wie in der Kneipe: wir sitzen um den Couchtisch herum und plaudern. Wie in einer Lounch. Wieso sich als Betreiber den Umsatz an Essen und Getränken entgehen lassen? Die Kunden sind ja quasi in der richtigen Laune dazu. Also bieten Sie ihnen das Ambiente …
Liebe Betreiber, degradieren Sie sich doch nicht selbst zum ideenlosen Filmvorführer. Denn für die gibt es wahrlich keine Überlebenschance! Es gäbe so viele Möglichkeiten - die Menschen suchen ja ununterbrochen nach schöner Freizeitgestaltung. Dass gerade hier die Kinos versagen, scheint mir mehr als unnötig zu sein.

Sehr guter und passender Beitrag, dazu fällt mir zum einen das Zitat: Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbes ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen. Walther Rathenau (1867-1922)
Der Cinedom in Köln hat das, was Du beschreibst im Überfluß: Schäbbiges Ambiente, schmutzige Toiletten, längste Warteschlangen, eine ständig besetzte Telefonhotline zur Kartenreservierung und so weiter. Da ist man froh, wenn man wieder raus ist.
Bei Ideentower haben wir auch schon über Geschäftsideen für Kinos berichtet: http://ideentower.blogs.com/ideentower/2007/05/im_kino_daddeln.html
und in Singapur und London gibt es jetzt auch PremiumKinos mit auserlesenen Weinen, Decken, Garderobe etc.
Uns hat das Thema so beschäftigt, dass wir mit iStorm gleich ein Online-Brainstorming gestartet haben, das Ergebnis gibt es am Ende des Films (siehe www.istorm.de)
In Radevormwald gab es mal ein Kino mit einer Bar am hinteren Ende vom Saal. Da konnte man sich Trinken und Essen bestellen und den Film anschauen. Das war cool.
In Leverkusen gab es mal ein Kino mit Tisch vor jedem Zuschauer und einer Klingel und Kellner. Das war auch toll.
Ich weiß aber nicht, ob es diese Kinos noch gibt.
Aber eine Garderobe wäre schon mal eine tolle Sache.
Und wenn man Kinokarten vorbestellt, damit man nicht in der Schlange steht, muss man die trotzdem 45 Minuten vor der Vorstellung an der selben Schlange abholen. Dämlich!!
Ach ja. In Wien gibt es ein Kino, wo nur ganz wenige Personen reinpassen und es gibt vorher Sekt. Burkhard Schneider hat bei Best-Practice-Business drüber geschrieben.
Burkhard Schneider berichtet in seinem Blog über den Artikel und wirft weitere Vorschläge auf: http://www.best-practice-business.de/blog/?p=3125
[…] Dienstleistungsmarketing-Blogger Thomas Scheuer nimmt ein Interview mit Fred Kogel, in dem über einen dramatische Besucherschwund in Kinos […]